Gedenken an die Reichspogromnacht vom 9. November 1938

Einführende Worte zur Gedenkfeier am Mahnmal für die zerstörte Synagoge am Freitag, dem 9. November 2019

Dr. Ina Germes-Dohmen, Vorsitzende des Kempener Geschichts- und Museumsvereins

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

ich begrüße Sie hier am Mahnmal für die zerstörte Kempener Synagoge, die am 10. November 1938, also morgen vor 81 Jahren, von SA-Leuten und Polizisten verwüstet und angezündet wurde, weil dies den Nationalsozialisten in ihr menschenverachtendes Kalkül passte. Doch ich möchte hier nicht allein von den mehr als 1400 Synagogen in ganz Deutschland sprechen, die damals zerstört wurden, ich bin erschüttert darüber, dass sich Gewalt gegen Menschen jüdischen Glaubens und ihre Gotteshäuser erneut in seiner schrecklichen Fratze in unserem Land gezeigt hat. Der Anschlag in Halle vor etwas mehr als vier Wochen hat Gott sei Dank die Synagoge nicht zerstört und nicht so viele Menschen getroffen, wie der Attentäter es wohl gerne gesehen hätte, aber zwei Menschen sind dabei um ihr Leben gebracht worden, das sind zwei zuviel und das ist unendlich traurig und entsetzlich. Ich habe im vergangenen Jahr an dieser Stelle gesagt, dass Gewalt gegen Menschen und ihr Eigentum, Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Herkunft, ihrer Abstammung, ihrer Religion, ihrer Ethnie, ihrer sexuellen Orientierung in unserm Land, in unserer Stadt nichts zu suchen haben. Ich bin froh, dass Sie da mit mir einer Meinung sind und durch Ihr Kommen diese Aussage unterstreichen und unterstützen wollen.

Der Kempener Geschichts- und Museumsverein hat es sich zur Aufgabe gemacht, gerade als Geschichtsverein ein Zeichen gegen das Vergessen zu setzen, gegen das Vergessen der Novemberpogrome, gegen das Vergessen des Holocausts. Erst mit der Erinnerung, so schreibt Christian Berkel in seinem Roman „Der Apfelbaum“, erst mit der Erinnerung gewinnt unser Leben ein Gesicht. Er schreibt: „Ich will nicht wie ein Buch dastehen, aus dem einzelne Kapitel herausgerissen wurden, unverständlich für andere wie für mich. Ich will versuchen, die leeren Seiten zu füllen….. Zuerst stirbt der Mensch, dann die Erinnerung an ihn. Für diesen zweiten Tod tragen wir Nachgeborenen die Verantwortung.“ Weil Erinnern so wichtig für uns Menschen ist, holten wir im Mai auch die Ausstellung „Die Kinder von Auschwitz“ nach Kempen, die wir in der Christ König Kirche zeigten und die viele Menschen, vor allem die von uns eingeladenen Schüler weiterführender Schulen mit der Thematik der vielen kindlichen und jugendlichen Opfer in Auschwitz bekannt machte. Es war das Verdienst des Autors Alwin Meyer, die vielen Einzelschicksale recherchiert und ihre Leid in Worte gefasst zu haben, die uns betroffen und sprachlos zurückließen.

Auch mit unserem heutigen Redner wollen wir uns erinnern. Erich Wüllems

ist ein Zeitgenosse dieser Kinder von Auschwitz, einige von ihnen waren so alt wie er war, als die Nazis 1933 die Macht übernahmen. Erich Wüllems wurde hier in Kempen am 20. März 1928 geboren. Ich kenne ihn schon sehr lange, aber über seine Kindheit haben wir erst spät, erst im vergangenen Jahr gesprochen. Bei der Machtübernahme fünf Jahre, am Pogromtag zehn Jahre alt, ist ihm sehr wohl manches im Gedächtnis aus dieser Zeit. Es sind die Erinnerungen eines kleinen Jungen, der vieles nicht verstand, was um ihn passierte, der aber diese Eindrücke nie vergessen und nie verdrängt hat.

Ich bin sehr dankbar, dass Herr Wüllems es trotz seines hohen Alters auf sich nimmt, uns heute Abend an diesen Erinnerungen teilhaben zu lassen.

Erich, ich darf dich nun ans Mikrofon bitten.

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