Spannende Einblicke in alte Gemäuer

Sommerradtour bei hochsommerlichen Temperaturen

Als erstes: Es war gar nicht so heiß, wie wir befürchtet hatten. Der Fahrtwind kühlte uns ab und in alten Gebäuden ist es meist kühler. Deshalb gab es auch keine "Ausfälle" und die lange Mittagspause in der Gastwirtschaft "Viktoria" unter Schatten spendenden Sonnenschirmen bei kühlem Getränk und einem Salat brachte die nötige Erholung.
Es gab einen straffen Zeiplan, den unsere Vorsitzende Ina Germes-Dohmen ausgearbeitet hatte - und den wir - weitestgehend - eingehalten haben. Wir haben uns bereitwillig "jagen" lassen. An der Kempener Burg gab sie eine kurze historischen Einführung zur Grenzlage des kurkölnischen Amtes Oedt, das sowohl an das Herzogtum Geldern und das Herzogtum Jüluch grenzte, auch die Enklave Viersen gehörte zum Herzogtum Geldern. So würden wir auch Grenzgänger werden an diesem Tag.
Zunächst ging es zur Burg Uda, wo uns Wolfgang Bertges vom Heimatverein willkommen ließ und und kenntnisreich mit der Geschichte Oedts ( Huda-Uda-Oidt-Oedt) bekanntmachte und den früheren Verlauf der Niers erklärte, die heute rund 400 Meter vom Turm entfernt fließt.  Nach dem Ersteigen der 123 Stufen (in jedem Geschoss durch weitere kurze Erklärungen unterbrochen), konnten wir die Aussicht genießen. Und stellten fest - wir sehen nur grün. Kein Kempener Kirchturm, nicht der von Grefrath oder Süchteln, fast nur Bäume waren zu sehen! Nur die Spitzen der Kirchtürme von Vorst und Anrath blinzelten über die Baumgipfel. Wer das auch mal sehen will, die Burg ist im Sommer jeden Sonntag von 11 bis 17 geöffnet und kostenlos zu besteigen https://www.heimatverein-oedt.de/startseite .
Weiter ging's zum Dückerhaus im Auffeld (heute der Gemüsehof Nienhaus ist (zu Öffnungszeiten zugänglich).  Das alte Haus, zum ersten Mal 1515 belegt, hat zwei charakteristische Ecktürme mit barocken Haubendächern. Ähnliche würden uns später am Haus Stockum begegnen, versprach Ina Germes-Dohmen und hielt Wort. Durch die Felder und die Süchtelner wie auch die Vorster Landstraßen querend ging es weiter. Bei allen Querungen sichterten uns Rainer Kornhaas und Fritz Dettmer, so klappte es trotz der vielen Teilnehmenden reibungslos. Roger Gansekow bildete die Nachhut und sorgte dafür, dass auch wegen eines Fotomotivs oder anderer Hinderungsgründe Zurückbleibende sicher den Anschluss fanden.

Nächster kurzer Stopp, aber ohne Besichtigung: der Kirschhof, ein altes niederrheinsiches Hallenhaus. Wie der Ständerbau aufgebaut war und wie er von Mensch und Tier genutzt wurde, konnte unsere Vorsitzende dort gut erläutern. Letzter Stopp vor der Mittagspause - die Clörather Mühle. Eigentümer Ludwig Mertens und seine Frau begrüßten uns herzlich und luden uns zur Erfrischung auf ein Glas Wasser an Biertischgarnituren im Schatten ein. Toller Empfang. Danach führte Mertens uns durch die alte Körnmühle, deren Innenausstattung tatsächlich noch erhalten ist, obwohl die Mühle seit der Niersbegradigung 1929 nicht mehr in Betrieb ist. Großes Interesse der Teilnehmer an der Technik vergangener Jahrhunderte! Das eigentliche Haus Clörath ist so gut wie nicht mehr vorhanden, nur ein kleiner Rest Mauerwerk ist in der Wiese noch zu entdecken.  Auch das Storchennest in der Wiese konnten wir sehen, kleine Störche gab es leider nicht zu bewundern. Wer die Mühle auch einmal sehen möchte, am 3. August ist dort der nächste Mühlenblues https://muehlenblues.de/

Nach nur rund 15  Fahrradminuten ereichte man nach Wechsel auf die andere Niersseite das Restaurant (http://viktoria-viersen.de/). Da hatte man recht genau die Hälfte der Fahrstrecke hinter sich - und ein Gläschen Holunderschorle tat gut.

Nach dem Essen brach die Truppe auf zum Haus Stockum. "Für mich das absolute Bonbon auf unserer Fahrt", so schwärmte Germes-Dohmen, Erstmals  Anfang des 15. Jahrhunderts erwähnt, ist der heutige Bau mit seinen beiden Ecktürmen (da sind sie also wieder!) aus dem 17. Jahrhundert. Die Besitzerin Wica Bünger begrüßte uns persönlich. Sie ist in diesem Haus groß geworden und kennt es wie ihre Westentasche. Wegen fallenden Grundwassers ist das Haus sogar schon in arge Schieflage geraten und musste angehoben und auf ein teilweise neues Fundament gesetzt werden, wie sie berichten konnte. Denn hier wie bei allen angeschauten Häusern war die Gründung durch Eichen- oder Eschenpfähle geschehen. Über die zahlreichen Besitzerwechsel v.a. durch Heirat hatte schon Ina Germes-Dohmen berichtet (wer mehr wissen will, kann z.B. hier schauen https://de.wikipedia.org/wiki/Haus_Stockum_(Willich). So konnte Frau Bünger von ihrem Vater erzählen, der das sehr heruntergekommene Haus 1930 gekauft hat. Seitdem ist es im Familienbesitz. Zu tun ist eigentlich immer etwas daran und dem großen Garten,  Welch ein Erbe" Und das Herzblut, es zu erhalten, merkte man Frau Bünger bei jedem Wort an.

Wir hätten ihr noch viel länger zu  hören können, aber in der Anrather Kirche St. Johannes Baptist warteten Pfarrer Markus Poltermann auf uns und mit ihm drei Vertreter des Anrather Heimatvereins. Auch hier wurden wir mit einem gedeckten Tisch mit frischem Wasser freundlich empfangen. Hinzu kamen Lieder in Anrather Mundart (an der Gitarre begleitet von Dr. Christoph Carlhoff)  und Berichte aus dem alten Anrath vom Anrather Urgestein Friedel Kluth. Bei seiner Kirchenführung setzte Pfarrer Poltermann besondere Schwerpunkte. Er zeigte uns Hunde und Drachen als Deckenschlusssteine, lenkte den Blick auf das Gewölbe und seine - neue - Ausmalung und erläuterte, welche Veränderungen die Kirche durch die Umgestaltung nach dem Vatikanum erführ. Dass er über manches, was damals verändert wurde, nicht glücklich ist, war unschwer herauszuhören.
Auch hier fiel es schwer, sich loszureißen- aber wir hatten ja noch den Heimweg durch die Felder vor uns. So erreichten wir Kempen nach fast neun Stunden wieder, nicht ohne der alten Mutterkirche St. Peter, die so oft an diesem Tag erwähnt worden war, eine kurze Referenz zu machen. Im Laufe des Tages hatten wir vieles gesehen und entdecken dürfen, was uns unbekannt oder unvertraut war. Und das, obwohl alles nur wenige Kilometer entfernt liegt! Dank ging an unsere Vorsitzende Ina Germes-Dohmen, die die Veransatltung "Radtour auf historischen Spuren" vor einigen Jahren ins Leben rief und auch in diesem Jahr wieder für Vorbereitung, Inhalt und Durchführung verantwortlich war. Und die in diesem Jahr bei nachmittags 33 Grad fast unter erschwerten Bedinungen ablief. Aber wer sich die Fotos ansieht, weiß: Wir hatten strahelnd gutes Wetter und ebensolche Laune!

 

Alle Fotos: Roger Gansekow, Ina Germes-Dohmen

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